Eine Partei im Hier und Jetzt, für das Morgen von heute
Fünf Säulen für eine SPD-Zukunft
Wer positives Feedback vor allem für seine Vergangenheit bekommt, hat ein echtes Problem - das SPD-Problem. Um diese Partei zu verstehen, braucht es tatsächlich den Rückspiegel. Deshalb hier eine radikale Kurzfassung der historischen SPD-Wurzeln, geteilt in zwei Phasen:
Über ein Dreivierteljahrhundert verkörperte sie DIE Arbeiterpartei. Also den politischen Arm der zunächst schnell wachsenden und dann anhaltend vielköpfigen Bevölkerungsgruppe, die ohne starke Selbstorganisation noch deutlich größeren ökonomischen Druck und
gesellschaftliche Ausgrenzung erlitten hätte.
Über die anschließenden 65 Jahre blieb die SPD, Stichwort Godesberg, trotz Aufweichung der Klassengesellschaft erfolgreich und wirkmächtig, weil sie Modernität verkörperte: gesellschaftlichen Fortschritt, kulturellen Aufbruch, Abbau von Diskriminierung in vielerlei Hinsicht und eine kooperative Rolle Deutschlands in der Welt. Der provokative Satz „Der Geist steht links“ stand Ende der 60er für den kulturellen Offensivgeist der linken Mitte.
Die Überlagerung von Klassen- und Modernitätspartei verlief mit Brüchen und Schmerzen. Aber sie bewahrte der SPD eine gesellschaftliche Basis trotz tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche.
Denn die Arbeiterschaft fächerte sich seit den Achtzigern auf in die inzwischen relativ gut situierte, aber schrittweise schrumpfende tariflich abgesicherte Industriearbeiterschaft und einen wachsenden Niedriglohn-Arbeitsmarkt mit Lebensbedingungen nah an der Unterklasse der Transferleistungsempfänger. DIE Arbeiter gibt es seitdem nicht mehr. Die Partei konnte derweil einen wachsenden Teil ihrer Aktivenbasis auf jene Arbeiterkinder gründen, die dank sozialdemokratischer Bildungsrevolution in akademische Schichten vorgestoßen und nun in Verwaltungen und anderen White-Collar-Jobs angekommen waren.
Damit bildete die SPD eine große Spanne von Lebenswirklichkeiten ab, die mühsam zusammenzuhalten waren: In den 80ern kollidierten akademisch geprägte Feministinnen, Internationalisten und AKW-Gegner mit der organisierten, von eher konventionellen Familien- und Wohlstandsvorstellungen geprägten Arbeiterschaft.
Obwohl die neugegründeten Grünen einen relevanten Teil der urbanen SPD-Moderne abwerben konnten, verfügte die Partei noch über ausreichende Zentripedalkraft, um den Laden zusammenzuhalten. Viel von dem, was bis heute Außenstehende fremdeln lässt, etwa die interne Ansprache Genossinnen und Genossen gepaart mit dem Duz-Prinzip oder das Arbeiterlied am Ende jedes Parteitages, geht zurück auf die Binnenkultur der Arbeiterschaft aus der Gründerzeit und wurde auch von White-Collar-Sozis als Traditionsklebstoff akzeptiert.
Die deutsche Einheit brachte neue Herausforderungen: Zum einen linken Wettbewerb auf Grundlage der SED-Organisationsbasis, die über den Zwischenschritt PDS bis in die Linkspartei fortwirkt. Zum anderen die Organisationsschwäche der Arbeiterschaft im Osten. Und schließlich die überschaubare Sympathie, die Altlinke dem Thema national definierter Identität beimessen.
Gesamtdeutsche Wahlergebnisse jenseits der 30 Prozent waren zuletzt Ende der 90er möglich, als ein charismatischer Kandidat gegen den über lange Kohl-Jahre gewachsenen Modernisierungsstau auftrumpfen konnte. Dem Autokanzler glaubte man Industrieverständnis, der Achse Schröder-Fischer eine bruchfreie Integration der urbanen Moderne, und der gestrenge Otto Schily befriedigte Law&Order-Bedürfnisse.
Dann stießen die Hartz-Reformen ins Herz des labilen SPD-Zusammenhalts: Der traditionellen Arbeitnehmerschaft wurde mit der erheblichen Verkürzung ihrer ALG1-Bezugszeit die Labilität ihres sozialen Status vor Augen geführt, während der neuen Unterschicht klar wurde, sich dauerhaft in ihrer Niedriglohntätigkeit einzurichten. Die erforderliche zweite Seite der Reformmedaille, der gesetzliche Mindestlohn, kam spät.
Dass sich in in den Folgejahren Arbeitsmarkt und Konjunktur prächtig entwickelten, half nur der Stabilität der Merkel-Kanzlerschaft. Die SPD konnte seitdem nie mehr ihr Wählerpotenzial ausschöpfen, klebte über Jahre an der 25%-Schwelle. Sie verlor Hessen, NRW und viel Gewicht in den drei MDR-Ländern.
Schnitt, Gegenwart, 15 Prozent.
Heute gelingen der SPD nur noch Wahlerfolge, wo profilierte Amtsinhaber ihren MP-Status verteidigen, in Mainz reichte nicht einmal das. Weder können neuen Spitzenkandidaten punkten, noch gibt es in einer wichtigen gesellschaftlichen Gruppe eine Verbundenheit gegenüber der SPD. Oder gar eine Hoffnung, die auf sie gesetzt wird.
Die Programmatik der einstigen Vertreterin von Modernität und sozialem Aufstieg wirkt auf viele nur konservierend, wenn nicht gestrig, manche nennen sie technokratische Staatspartei. Die so lange parteiprägende Generation all der vielen Ersten aus ihren Familien, die studieren konnten, rutscht in den Ruhestand und wird in den nächsten 20 Jahren den Weg alles Irdischen gehen, ohne eine neue Hoffnungsträgergeneration in Sicht.
Die geschrumpfte Arbeiterschaft teilt sich weitgehend zwischen Union und AfD auf, die akademisch-urbanen Modernisierer zwischen Grünen und Linken. Und wo die Union mittiges Führungspersonal anbietet, kann sie auch SPD-Stimmen aus modernen Milieus erobern.
Ergebnis: Es gibt kein SPD-Gefühl mehr! Ein zentraler Unterschied zu Union, Grünen und AfD, die bis heute klare Grundemotionen (Ordnung, Harmonie mit der Umwelt, Ausgrenzung alles Fremden) adressieren können. Die SPD steht nur für vergangene Kraft, Relevanz und Hoffnungen.
Manche Politikwissenschaftler sagen der SPD deshalb strategische Perspektivlosigkeit voraus, weil sich ihre Rolle im politisch-gesellschaftlichen Spektrum erübrigt habe. Sie habe keine Mission mehr. Der Blick nach Italien, Frankreich und aktuell UK zeigt, wie verbreitet strukturelle Existenznöte für die Traditionsparteien Mitte-Links sind. Aber ist das unabwendbares Schicksal?
Es gibt durchaus Chancen, auf denen sie aufbauen kann:
Chance Nr. 1: Typische SPD-Werte, nennen wir sie emanzipatorisch, sind mehrheitsfähiger denn je. Die Demoskopie vermeldet bei allem, was die linke Mitte in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt hat, deutliche Zustimmung: Bildungszugang für jedermann, Frauengleichstellung, Trennung von Staat und Kirche, Mindestlohn, Migrantenintegration, sogar hochemotionalisierte Symbolthemen wie Atomausstieg, gleichgeschlechtliche Ehen und Schwangerschaftsabbruch. Entsprechend große Probleme hat der konservative, aber nicht radikale politische Wettbewerb, definierende und differenzierende Programme zu formulieren.
Chance Nr. 2: Die einstmals SPD-definierende Oben-Unten-Differenzierung hat höchst aktuelle Bedeutung. Zum einen materiell, gemessen in Einkommens- und v. a. Vermögensungleichheit in Deutschland. Zum anderen in einer seit 20 Jahren skandalös stagnierenden deutschen Sklerose in Sachen Bildungsaufstieg - dem zentralen Zukunftsfaktor. Kinder aus Nichtakademikerfamilien haben eine halb so große Chance aufs Abi, ein fünftel Chance auf einen Masterabschluss und ein zehntel Chance auf eine Promotion im Vergleich zu Akademikerkindern. Die ‚guten Familien’ vererben in Deutschland nicht nur Milliarden, sondern auch Bildung und damit individuelle Entwicklungschancen.
Chance Nr. 3: SPD-Köpfe genießen faktisch ähnlich gute Medienpräsenz wie in Zeiten mehr als doppelt so guter Wahlergebnisse. Denn sie werden wegen der Zunahme von Fraktionen in Parlamenten weiter als Koalitionspartner gebraucht und besetzen deshalb öffentlich relevante Exekutivpositionen.
Chance Nr. 4: Das Potenzial derer, die sich prinzipiell vorstellen können, SPD zu wählen, ist weiter enorm groß. Während etwa die AfD ihr Potenzial weitgehend ausgeschöpft hat, lässt die SPD aktuell mehr als die Hälfte liegen.
Chance Nr. 5: Auch dem politischen Wettbewerb fehlen zeitgemäße und attraktive Zukunftsvisionen, hinter denen man Mehrheiten versammeln könnte. AfD und BSW sind verbunden in der Begeisterung für die angeblich gute, geordnete und zutiefst biedere Zeit bis in die 80er. Und Union und Grüne struggeln wie die SPD mit den Glaubwürdigkeitsdefiziten jedes mobilisierenden „Alle werden es einmal besser haben“-Narrativs. Nicht nur die linken, auch die liberalen und die konservativen Welterklärungs- und Gesellschaftsmuster haben über 150 Jahre Zeitgeschichte in den Knochen und strahlen entsprechend ergraute Faszination aus.
All dies passiert in einem deutlich ausdifferenzierteren Deutschland als in der Hochphase der Industriegesellschaft - und der SPD. Die soziodemografischen Formationen, die Bildungs- und Wohlstandschancen sowie politische Grundausrichtungen vorbestimmen, sind in der „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz) zersplitterter und überlagert von kulturell diversen Lebenswirklichkeiten. Soweit spiegeln Vielparteienparlamente auch eine Gesellschaft, die sich der grobkörnigen Clusterbildung entzieht. Umso schwerer haben es die alten Volksparteien, ihrem namensgebenden Anspruch gerecht zu werden.
Was also könnte vor diesem Hintergrund ein neues SPD-Gefühl werden? Was könnte jenseits des seltener werdenden Glücksfalls von überstrahlend starken Spitzenkandidaten regelrecht Lust machen, sein Kreuz bei der SPD zu machen und am Wahlabend zur Prognose um 18.00 Uhr mitzufiebern?
Mit der Emotion sind wir bei Kommunikation, Auftritt und Wirkung, gefühltem Antrieb und treibenden Gefühlen.
In den 70ern lebte der emotionale Zuspruch für Mitte-Links von der befreienden Lust auf Neues. Auf den Bruch gesellschaftlicher Schranken, auf Wohlstandschancen für jene, denen zuvor der Lebensweg am unteren Lebensstandardende vorgezeichnet war, auf berufstätige Frauen und freche Kinder, auf Urlaub in fremden Ländern, auf sexuelle Befreiung und eine bunte und treibende Popkultur.
Dabei war ein verbindendes Merkmal von Arbeiter- und Modernisierungspartei stets ein emotionales Attribut, das der heutigen Bestandswahrungspartei SPD fehlt: ihre Ziele mit kämpferischer Entschlossenheit zu verfolgen. Heute wirken die politischen Wettbewerber deutlich kämpferischer, die klimapolitische Mission der Grünen ebenso wie die antifaschistische Weitdraußen-Linke und sogar die wütenden Mittelstandslobbys in der Union oder die wütenden Anti-Modernisten der AfD.
Die SPD hingegen verwaltet die Spiegelstriche ihrer Programmatik und das Erbe ihrer Geschichte. Repräsentiert von den chronisch-traurigen Augenpaaren ihrer Vorsitzenden. Warum eigentlich ist kommunikatives Talent bei der Auswahl von Spitzenparteipersonal in Deutschland so irrelevant?
Mit dieser Haltung und Ausstrahlung kapituliert sie vor ihrem angeblich vorgezeichneten Schicksal. Und wiederholt den Fehler vieler Parteien in der Krise, siehe FDP: „Wir müssen uns auf unsere Wurzeln besinnen“ ist der Reflex jedes Funktionärsapparates auf Druck von außen (= Wählerschaft und öffentliche Meinung). Dabei vertieft diese Reaktion nur die Abkopplung von der realen Welt, auf die alle innerparteilichen Klebstoffpositionen, und -rituale - siehe oben - mit den Jahren immer befremdlicher wirken.
Die der SPD von Teilen der Öffentlichkeit zugewiesene Aufgabe, doch bitte einfach wieder Arbeiterpartei zu werden, führt in eine gefährliche Sackgasse. Jahrzehnte nach Abschaffung des standesrechtlichen Arbeiterbegriffs soll sich die politische Kraft der Modernisierung Deutschlands an der im 19. Jahrhundert wurzelnden Trennung von Arbeiterschaft und Bürgertum orientieren?
Heute könnte keine Arbeiterpartei überleben, die nur jenen Teil der Bevölkerung vertreten wollte, der sich selbst als klassenkämpferischer Antipode zum modernen Bürgertum definiert. In der Gegenwartsgesellschaft ist jeder Arbeiter selbstverständlich auch Bürger, als vollwertiger und urteilsfähiger demokratischer Akteur wie als Wirtschaftssubjekt. Damit ist auch die begriffliche Abgrenzung zu bürgerlichen Parteien substanzlos.
Die SPD kann eine Zukunft als Mitte-Links-Partei nur als selbstbewusste, bildungsfördernde, leistungsorientierte, persönlich zugewandte Formation in humanistischer Tradition erobern. Die damit selbstverständlich auch Arbeitnehmerinteressen bedient.
Das erfordert ein mutiges Restart-Programm der SPD mit folgenden Elementen:
- Selbstbewusstes Anknüpfen an die soliden Mehrheiten für eine gesellschaftliche Moderne - auf Grundlage ihrer im weitesten Sinne emanzipatorischen Werte hat die SPD weiterhin jedes Recht, sich Volkspartei zu nennen. Und wer wenn nicht die SPD könnte dem Anspruch einer Frauenpartei gerecht werden?
- Bekämpfen der skandalös verfestigten und sogar wieder gewachsenen Chancenungleichheit in Deutschland. Zugang zu guter Bildung für alle und beste Chancen für Talente unabhängig von ihrer familiären Herkunft ist eine Position, der niemand offen widersprechen kann und die zudem für die Wirtschaft extrem wertvoll wäre; da dieser Position aber erhebliche Beharrungskräfte entgegenstehen, braucht sie entschlossene, kämpferische Power einer Volkspartei. Ihr mediales Gewicht könnte die SPD einsetzen, dieses unterschätzte Thema groß zu machen.
- Klare Positionen ausflaggen zu der Frage, ob auch in Zukunft leistungsloses Einkommen gegenüber Arbeit und Konsum steuerlich bevorzugt wird. Zugunsten jeder Form von Arbeit und einer soliden Binnennachfrage, die den strategisch gefährdeten Exportüberschuss teilkompensieren muss.
- Systematische Vernetzung mit jenen Teilen der Zivilgesellschaft, die die emanzipatorischen Ziele der SPD teilen - denn das ist die Mehrheit. Das Spektrum der dort engagierten Menschen ist deutlich größer, als es die Parteimitgliedschaft je sein kann, und würde das Ausschöpfen des SPD-Wählerpotenzials ermöglichen. Es reicht weit über die traditionell verbündeten Gewerkschaften hinaus bis tief hinein in jene Sphäre, die wir bürgerlich zu nennen gewohnt sind.
- Abschalten von aus der Zeit gefallenen musealen und bestenfalls ulkig wirkenden Ritualen, die dem Großteil der potenziellen Wählerschaft nur Distanz vermitteln.
Das die Partei so prägende Attribut „sozial“ lässt sich in verschiedenen Geschmacksrichtungen verstehen: Als Wille, die nicht Privilegierten besonders zu stützen, als Freiheitsversprechen gegenüber der bedrängenden Macht von ökonomisch Starken und als Bekenntnis zu Gemeinschaft erhaltenden und transparent ausgehandelten Lösungen von Verteilungsfragen. Nichts davon wäre unzeitgemäß oder unattraktiv für große Teile die Wählerschaft. Aber keine der damit verbundenen Hoffnungen wird heute mit der SPD verbunden. Selbst der Begriff „sozial“ scheint unter dem Staub der mit seinem Namen verbundenen Partei an Glanz verloren zu haben.
Die Lösung liegt nicht im Endkampf zwischen den Parteiflügeln, wie manche Medienmacher glauben. Oder im Besinnen auf uralte Wurzeln. Oder in einem Redesign, vom Führungspersonal bis zu Auftreten, Sprache und Parteiritualen. Dieser Neuauftritt ist nötig, aber nur wirksam, wenn er auch für neue Substanz steht: Eine Partei im Hier und Jetzt, für das Morgen von heute.
Raus aus der Sackgasse der Traditions- und Beharrungspartei, rein in die Schlacht um Chancen in Bildung und Gesellschaft, einen zeitgemäß weiterentwickelten Staat, ein arbeitsfreundliches Steuer- und Sozialsystem, und all das auf dem Fundament eines positiven und gemeinschaftsoffenen Menschenbildes - so was könnte doch Spaß machen.
Damit wäre die SPD nebenbei der klare Antipode der im globalen Aufschwung begriffenen Nationalautokraten mit ihren tumben, geschlossenen, sozialdarwinistischen Gesellschaftsbildern, die die Weltgeschichte dem ewigen Kampf um noch mehr nationale Größe widmen wollen.
Nur in einem hätte die SPD von deren Aufschwung gelernt: Sag den Menschen nie wieder, ein Problem sei politisch nicht lösbar, wegen irgendwelcher bürokratischen oder international vertrackten Alternativlosigkeiten. Probleme als unveränderbar hinzunehmen, hat auch der SPD viel Vertrauen gekostet.
Unbedingter Gestaltungswillen bleibt Voraussetzung für das hoffnungsfrohe Delegieren politischer Macht an parlamentarische Repräsentanten. Und das Mitfiebern am Wahlabend um 18:00 Uhr.